Anonymität ist ein schwarzes Loch
Ein Plattenbau irgendwo in London. einsam ragt er in die von Schneeflocken zerstochene Schwärze des winterlichen Nachthimmels. Menschen sind aufeinandergeschichtet, leben in einer unwirklichen Welt. Das Zentrum dieser Welt ist der kleinste - und wichtigste - Raum des Gebäudes: Der Lift.
Je enger fremde Menschen zusammengedrängt werden, desto größer wird die Distanz zwischen ihnen. Wo Wände dünn sind wie Papier und Leitungsrohre jedes Geräusch in die dunklen Weiten des fahlen Gebäudes transportieren wird die eigene Intimsphäre zur bedrohten Ressource. Um ein eigenständiges Individuum zu bleiben wird die Abschottung nach außen zur Bürgerpflicht. So entstehen in einer pragmatischen Plattenbausiedlung irgendwo im urbanen Sozialbezirk von London riesige leere Blasen der Anonymität. Das ist das Szenario, in dem Marc Isaacs seine dokumentarische Analyse der sozialen Realität platziert.Die Menschen, die den Fahrstuhl betreten, sind zunächst irritiert von der unerwarteten Konfrontation mit einer laufenden Kamera, aus der es keinen Ausweg gibt. Wer hoch oder runter will wird gefilmt, das ist die taktische Regel, die der Dokumentation zugrunde liegt und ihr ihren Reiz verleiht. Wer denkt, dass die auf Abstand getrimmte Grundeinstellung der Bewohner in der kommunikativen Situation mit der Kamera ihre Fortsetzung findet, wird überraschenderweise eines Besseren belehrt. Viele Menschen reagieren sehr offen auf die Situation und beantworten die Fragen von Isaacs. Es scheint als wären sie froh, wenn er sie fragt, was sie gerade bewegt, was in ihren Leben am wichtigsten ist oder einfach nur wie es ihnen geht. Sie können alles von sich verraten, ohne ihre Anonymität aufzugeben, denn auch die Kamera ist nur ein Sinnbild für eine Masse von Menschen, die in gleicher Weise anonym bleiben wie die Protagonisten selbst. Anonymität ist ein schwarzes Loch, in dem jegliche Form von Identität verschwindet.Dennoch entsteht Wärme beim Betrachten des Films. Isaacs schafft es mit vergleichsweise einfachen Mitteln seinen Zuschauern eine Welt zu zeigen, die ansonsten verborgen bleibt, und doch ständig da ist, mitschwingt, erfahren wird und in letzter Konsequenz immer unzugänglich bleiben muss - die Welt der privaten Gefühle. Egal ob es der versoffene alte Mann ist, der sich wünscht, seine Enkelkinder wiedersehen zu können oder der offenbar ständig gut gelaunte Single, der uns von seinen fehlgeschlagenen Flirtversuchen in einer Londoner Bar erzählt - es dauert meist keine 10 Sekunden und es kommt ein überwältigendes Gefühl von Sympathie auf.Der Film könnte genausogut auf dem Boden des Meeres spielen, dort, wo ständige Schwärze herrscht, wo der zerfurchte Erdboden von Vulkangasen brodelt und ein fahles leuchten aus dem Untergrund auf riesige destruktive Magmaschichten hinweist. Denn auch hier gibt es, so unvorstellbar es auch sein mag, Leben. Man muss nur sehr genau hinschauen, um es zu entdecken. Oder eine Kamera in einen Fahrstuhl stellen.Ich wünsche viel Spaß mit den nachfolgenden sehr sehenswerten 24 Minuten und 37 Sekunden!



